Inside Review: Bioshock

In jeder Konsolengeneration gibt es eine Handvoll Spiele, die für die jeweiligen Ära prägend sind. Das sind Spiele, die nicht nur technisch Top sind, sondern sich auch in Sachen Atmosphäre und Design von der Konkurrenz abheben. Wenn nun die Entwickler eines Ausnahmespiels wie System Shock 2 den geistigen Nachfolger nach über 6 Jahren Entwicklung veröffentlichen ist die Erwartungshaltung riesig. Um so schöner, wenn die Erwartungen größtenteils erfüllt werden.

Nun ist es also soweit: Nach über einem halben Jahrzehnt steht mit Bioshock der geistige Nachfahre der System Shock Reihe bereit. Ob das Spiel die immense Erwartungshaltung erfüllen kann erfahrt ihr in diesem Review.

Under the Sea

Das Setting ist mehr als ungewöhnlich. Wir befinden uns in den 50er Jahren in Amerika, der Großindustrielle Andrew Ryan hat die Schnauze voll von der Welt und errichtet seine eigene Stadt, sein Utopia namens Rapture auf dem Grund des Meeres. Da es aber langweilig ist alleine auf dem Meeresgrund macht Mr. Ryan der geistigen Elite der Welt ein unmoralisches Angebot: Wer den Umzug in die nasse Umgebung in Kauf nimmt bekommt im Gegenzug die absolute Freiheit für sein schaffen. Keine ethischen oder gesetzlichen Beschränkungen für die Künstler, Ärzte und anderen Intellektuellen. Dazu gibt es als Bonus eine Droge namens ADAM. Diese Droge soll für außerordentliche Leistungen sorgen (also genau wie EPO für die Radfahrer). Das dieses Utopia namens Rapture zu schön ist um wahr zu sein sollte jedem Spieler klar sein und so kommt es anders, als Andrew Ryan es sich gedacht hat.

Und Action

Zu Anfang des Spiels stürz der Spieler, schlicht als Jack vorgestellt, mit einem Flugzeug mitten im Meer ab. Zufällig ist ganz in der Nähe eine kleine Insel mit einem Leuchtturm und noch zufälliger ist dieser Leuchtturm der Zugang zu Rapture. Mit dem Abstieg in die Unterwasserstadt beginnt für den Spieler das Abenteuer. Direkt zu Anfang erlebt der Spieler den Albtraum der sich aus Ryans Traum entwickelt hat: Die Bewohner sind durch das ADAM und durch genverändernde Plasmide zu wahnsinnigen und mordlüsternen Kreaturen mutiert, die Stadt sieht verlassen und heruntergekommen aus, Plakate zeugen von vergeblichen (?) Demonstrationen um Rapture zu verlassen . Zum Glück meldet sich Atlas bei Jack, einer der wenigen normalen Bewohner. Er lotst den Spieler durch die ersten Räumlichkeiten und gibt ihm eine Crashkurs in Sachen “Überleben für Fortgeschrittene“. Aus diesem stürmischen Anfang entwickelt sich ein rasanter Shooter mit Rollenspielelementen und einigen überraschenden Storywendungen.

Deine Gene, meine Genen

Auch der Spieler kann ADAM und Plasmide im Spiel benutzen. Gerade letztere machen einem das Leben leichter, statten sie den Protagonisten doch mit allerlei nützlichen Fähigkeiten aus. Ob nun den Gegner entzünden, einfrieren oder per Telekinese etwas vor den Kopf schmeißen, mit dem richtigen Plasmid geht alles. Um diese Fähigkeiten einzusetzen benötigt der Spieler allerdings ebenfalls ADAM und auf der Suche danach stößt er auf das Duo Infernale, die Stars des Spiels:
Den Little Sisters und ihren Beschützern den Big Daddys. Erstere sind kleine, harmlos aussehende Mädchen deren Aufgabe es ist, den toten das ADAM zu entziehen und dem Kreislauf in Rapture wieder hinzuzufügen. Wer sich nun denkt das er leicht an das ADAM kommt hat die Rechnung ohne die Big Daddys gemacht. Diese über zwei Meter großen Zeitgenossen, die entfernt an altertümliche Taucheranzüge erinnern, reagieren äußerst gereizt, wenn man ihrer kleinen Schwester zu nahe kommt.

Damit sind die Grundlagen der Story geklärt, wer aber wirklich die Geheimnisse um Rapture lösen will und den Hergang des Verfalls erforschen will kommt nicht darum herum, die zahlreichen Tonband-Tagebücher der ehemaligen Bewohner zu suchen. In diesen hervorragend synchronisierten Audiodateien erzählen die Bewohner von ihrem Leben. So werden nicht nur ganze Familiendramen für den Spieler erlebbar, auch viele Geheimnisse um Rapture werden so aufgelöst.

Up up and away

Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit verbringt der Spieler die nächsten 12 bis 15 Stunden mit der Erkundung der Unterwasserstadt und dem Kampf gegen die mutierten Bewohner, den so genannte Splicer. Diese gibt es in den verschiedenste Formen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Um sie zu beseitigen kann Jack neben einem guten, alten Schraubenschlüssel auch auf diverse Pistolen und Gewehre zugreifen. Die Schießeisen lassen sich zusätzlich noch mit verschiedenen Munitionstypen ausrüsten die man teils in Rapture findet, teils an Automaten aus Schrott zusammenbasteln kann. So gibt es z.B. Patronen mit elektrischer Ladung die besonders effektiv gegen die Sicherheitssysteme sind. Explosive Munition hingegen haut gleich mehrere Gegner von den Beinen.
Eine andere Möglichkeit sich die Gegner vom Hals zu schaffen sind die oben erwähnten Plasmide. Ihr könnt Gegner rösten, einfrieren oder sonst was mit ihnen anstellen, das richtige Plasmid vorausgesetzt. Auch taktisch lassen sich die Plasmide einsetzten, warum nicht mal einen Blitz in eine Pfütze schleudern in der mehrere Gegner stehen? Jeder der im Physikunterricht aufgepasst hat weiß, was passiert.

Oder ihr macht es ganz anders: ihr könnt die äußerst lästigen Sicherheitssysteme nicht nur zerstören, sondern auch Hacken und so auf die Splicer hetzten. Warum also nicht mal ein stationäres Abwehrgeschütz gehackt, dann kurz einigen Gegnern gezeigt und die Füße Richtung Geschütz in die Hand genommen? Dies schont auch euren, vor allem in höheren Schwierigkeitsgraden knappen, Munitionsvorrat.

Walk the line

Trotz der vielen Freiheiten im Gameplay und der relativ frei begehbaren Stadtteile ist das Spiel recht linear aufgebaut. Ihr bekommt Aufträge von den normalen Bewohnern Raptures und erst wenn ihr diese erledigt habt entwickelt sich die Story weiter und es werden neue Gebiete begehbar. Wie oben erwähnt ist euch der Weg, wie ihr das Ziel erreicht, allerdings selber überlassen. Ihr müsst wählen, ob ihr gut oder böse seid, allerdings haben eure Entscheidungen Einfluss auf den Spielverlauf und auf das Ende des Spiels.

Technik, die begeistert

In Sachen Präsentation ist Bioshock wirklich großartig. Der Soundtrack, bestehend aus einer Mischung aus neu komponierten Orchesterstücken und teilweise neu arrangierten Klassikern des Swings der 50er Jahre, klingt fantastisch und trifft immer die richtige Stimmung und das richtige Tempo. Ein Beispiel für die unglaubliche Stimmung: Stellt euch vor, ihr steht an der Panoramascheibe in einem Restaurant, durch kleine Lecks tritt Wasser ein, die Einrichtung ist verwüstet und im Hintergrund läuft Sinatras “Beyond the Sea” – Gänsehaut garantiert.
Auch grafisch hinterlässt Bioshock einen nachhaltigen Eindruck beim Spieler. Nicht nur wegen des glaubwürdigen Grafikstils, der auf eine Mischung aus massiven, den Kräften des Wassers trotzenden, Mauern und einer filigranen, luxuriösen und fast dekadenten Inneneinrichtung setzt. Auch nicht durch den Kontrast eben jener Dekadenz mit den überall sichtbaren Zeichen des Verfalls und des Chaos das der gescheiterte Traum Ryans in Rapture angerichtet hat. Das Besondere ist viel mehr die Tatsache, dass jeder Ort in Rapture, und sei er noch so unbedeutend, für die eigentliche Handlung seine ganz eigene Geschichte erzählt.

Good Guy – Bad Guy

Ein weiters wichtiges Element für das Spiel und sein Ende sind die moralischen Entscheidungen des Spielers. Wir wollen hier keine Einzelheiten verraten, nur so viel: Öfters im Spiel wird der Spieler Entscheidungen treffen die sein und das Leben anderer direkt oder indirekt beeinflussen.

Philosophischer Ansatz

Alles was bis jetzt zu Bioshock gesagt wurde lässt auf ein sehr gutes, aber noch nicht auf ein herausragendes Spiel schließen, aber Bioshock bietet unter der Oberfläche mehr, sehr viel mehr sogar als andere Spiele. Das diese, für das Spiel elementare Punkte, gerade bei den europäischen Tests völlig untergehen ist wohl der Unbekanntheit der entsprechenden Philosophen in Europa geschuldet.
Rufen wir uns nochmals kurz in Erinnerung: Der Erbauer von Rapture heißt Andrew Ryan, sein (früherer) Gegner hört auf den Namen Fontaine und der erste Mensch der sich bei Jack nach seiner Ankunft meldet ist Atlas und ein Banner im Leuchtturm zu Beginn de Spiels trägt die Aufschrift “No gods or kings. Only Man. (die Groß- und Kleinschreibung ist hier Absicht und kein Versehen). Damit ist das grundlegende Motiv Raptures schon sehr treffend zusammengefasst.
Jeder Mensch ist nur sich selbst verpflichtet und darf sich frei und ohne ethische oder gesetzliche Restriktionen entfalten.

Machen wir nun einen kleinen Ausflug in die Philosophie, genauer gesagt dem Ansatz des Objektivismus. Eine der Begründerinnen dieser theoretischen Gesellschaftsform ist die Russin Aynd Rand (Ähnlichkeiten zu Namen im Spiel sind sicherlich kein Zufall), die 1926 in die USA ausgewandert ist. Zu ihren bekanntesten Werken zum Thema Objektivismus gehören die beiden Bücher “The Fountainhead” und “Atlas shrugged” (Kommen diese Namen jemandem bekannt vor?). Sie beschreibt in ihren Büchern genau jene Gesellschaftsordnung, die Andrew Ryan für sein Rapture propagiert: Im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch und seine Selbstverwirklichung, es gibt keine ethischen oder sonstige Verpflichtungen einen anderen Menschen zu unterstützen, lediglich seine Freiheit darf nicht eingeschränkt werden. Ersteres wird im Verlauf des Spiels durch einige Banner und Tonbandansagen von Ryan auch mehr als deutlich.
Ironisch, dass gerade der Schöpfer dieses objektivistischen Paradieses selbst diese Ideale verrät und diesen Grundsatz außer Kraft setzt. Davon zeugen schon die Plakate, die der Spieler direkt nach seiner Ankunft in Rapture sieht. Andrew Ryan hat mit seinem Verbot Rapture zu verlasen den elementarsten aller Grundsätze des Objektivismus verraten. Er geht mit seiner bildlichen “Großen Kette” sogar noch einen Schritt weiter. Diese Kette und ihre Bedeutung, nämlich das gemeinsame Arbeiten und an einem Strang ziehen für den Traum Rapture, passt sowohl von der Symbolik als auch der Bedeutung eher in eine kommunistische Gesellschaftsform und damit zum genauen Gegenteil des Objektivismus.
Ein anderer Kontrapunkt zum Objektivismus ist das Religionsverbot in Rapture (No god, no king…)
Dieses Verbot setzt einen weiteren Kontrapunkt zur freiheitlichen Selbstverwirklichung, wie sie im Objektivismus angepriesen wird. Bibeln und Kreuze sind in Rapture “heiße Ware”, eine Ausübung der Religion ist nur heimlich im Untergrund möglich. Dieses Verbot hindert Andrew Ryan freilich nicht daran, einen Großteil der Orte in Rapture nach altertümlichen Gottheiten zu benennen (Apollo Square, Neptune’s Bounty, Poseidon Plaza etc.)

Fazit:

Bioshock gewinnt gerade durch das Wissen um diese zu Grunde liegende Philosophie sehr viel Tiefe und das macht aus dem sehr guten ein herausragendes Spiel. Wie kein andere Spiel versteht es Bioshock diese komplexen Theorien in ein Spiel einzubauen und kritisch den Umgang mit diesen zu hinterfragen. Ohne dieses Wissen ist und bleibt Bioshock ein sehr guter Shooter mit Rollenspielelementen in einem neuen und unverbrauchten Setting. Sowohl technisch als auch spielerisch kann der Titel vollends überzeugen und obwohl der Spielverlauf linear ist lohnt sich durch die Auswirkungen der moralischen Entscheidungen ein zweites und auch drittes durchspielen.

Die Wertung

[xrrgroup][xrr rating=11/12 label=“Grafik:“ display_as=fraction_stars fraction_separator=“ / „]
[xrr rating=12/12 label=“Sound:“ display_as=fraction_stars fraction_separator=“ / „]
[xrr rating=10/12 label=“Motivation:“ display_as=fraction_stars fraction_separator=“ / „]
[xrr rating=10/12 label=“Umfang:“ display_as=fraction_stars fraction_separator=“ / „]
[xrr rating=11/12 label=“Spielspaß:“ display_as=fraction_stars fraction_separator=“ / „][/xrrgroup]

Rein Subjektiv

AssKikaX: Wer dieses Meisterwerk nicht spielt, verpasst Spielgeschichte! | 12

SchmuSheep: Das Spiel ist großartig. Umso schlimmer, dass die Story nach der Hälfte trivial wird, das Ende langweilig ist und die moralischen Entscheidungen unwichtig sind. Doch mit seiner Spielmechanik und seinem einzigartigen Stil bleibt das Spiel faszinierend bis zum Schluss. Soviel Mut gehört belohnt | 11

Maynard: Eines der besten, wenn nicht sogar das beste Xbox 360 Spiel. Im Gegensatz zu meinem Kollegen empfand ich die Story als mitreißend und originell. Was mir immer in Erinnerung bleiben wird, sind die beiden Sequenzen mit der Little Sister. | 12

29. November 2008 | Autor: Stargaze

Kommentare

  1. Nun, im Moment können wir nur testen was wir uns auch kaufen. Und ich hatte halt Lust ein Review zum meiner Meinung nach herausragenden Titel der letzten Jahre zu schreiben.

  2. Das Spiel ist meiner Meinung nach das beste 360 Spiel und eines der besten Spiele, die ich jemals gespielt habe. Ein absoluter Must-Have – das Review sollte auch den letzten überzeugen, der es bisher nicht hat, zumal man inzwischen nicht mehr als 20€ für das Game zahlt.

    Schönes Budget-Review!

  3. Schönes Review.
    Aber des Song ist von Bobby Darin und heisst „Somewhere Beyond the Sea“ 😉

Schreibe einen Kommentar